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LC # 61  |  Oktober 2020

Are you experienced? Zum 50. Todestag von Jimi Hendrix

Am 18. September 1970 verstarb Jimi Hendrix, Ausnahme-Gitarrist und Ikone der Gegenkultur, mit 27 Jahren an einer verhängnisvollen Mischung aus Schlaftabletten und Rotwein. Weltweit begehen nun Musikfans seinen 50. Todestag.

Neben Janis Joplin, Jim Morrison, Curt Cobain und Amy Winehouse gehört er zu den prominentesten Mitgliedern des „Clubs 27“, also jener Riege an popkulturell bedeutsamen Menschen, die im 27. Lebensjahr den Tod fanden. „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ war für Hendrix mehr als nur ein Slogan – und doch ist es seine Musik, welche die Jahrzehnte überdauert hat. Geboren 1942 in Seattle spielte er vorerst mit jeder Menge Rhythm & Blues-Bands sowie Soul-Gruppen, bevor er – unterstützt vom Produzenten Chas Chandler – als einer der wenigen schwarzen Musiker vor einem großteils weißen (Rock-)Publikum zum akklamierten Gitarre-Gott aufstieg. Er war wohl einer der kreativsten und experimentierfreudigsten Musiker, was nicht zuletzt in seinem Woodstock-Version der US-amerikanischen Nationalhymne „The Star Spangled Banner“ nachzuhören ist, in der er das Original dekonstruierte und den innewohnenden Patriotismus mit einer E-Gitarren-Orgie gleichsam zerschredderte, die an Maschinengewehrfeuer und im Vietnamkrieg fallende Bomben und nicht ans Suburbia-Glück weißer Mittelstandsfamilien erinnerte und so direkt mitten ins dunkle Herz Amerikas zielte.

Mit seiner „Jimi Hendrix Experience“ und seiner späteren „Band of Gypsies“ lotete er die Möglichkeiten von Rock, Psychedelia, Soul und frühem Funk aus, bespielte seine Saiten nicht nur mit den Händen sondern mitunter auch mit den Zähnen und zündete 1967 während eines Konzerts in Monterey seine Gitarre an, was er später als eine Art Opfer erklärte: „Man opfert Dinge, die man liebt. Ich liebe meine Gitarre.“ Hendrix spielte auf beinahe rituelle Weise mit dem ganzen Körper Musik – und auch Jazzer wie Miles Davis oder Gil Evans (der sogleich ein Album mit Hendrix-Stücken aufnahm) schätzten ihn sehr. Was seinen Platz in der Gegenkultur seiner Zeit einnahm, so war Hendrix niemand, der viel Worte machte: Er „sprach“ mit Hilfe seines Instruments, seiner Kompositionen und seiner Bühnenpräsenz. Seine seltenen politischen Aussagen waren mitunter etwas widersprüchlich. So äußerte er sich noch 1967 recht positiv über das US-amerikanische Engagement in Vietnam, um schon 1968 eine klare Gegenposition einzunehmen. Eindeutig war er allerdings in Folgendem: „In meinem Denken gibt es keine Schwarzen oder Weißen. Da gibt es nur die Gestrigen und die neuen Leute.“

Das Abschlusswort wollen wir dem Klangtüftler und Bowie-Kollaborateur Brian Eno überlassen: „Warum wird Jimi Hendrix eigentlich nicht als einer der wichtigsten Komponisten des Jahrhunderts anerkannt? Von den Musikwissenschaftlern, meine ich. Warum wird über ihn nicht wie über John Cage gesprochen?“

(Text: FRT/ub.mdw)

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