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LC # 91  |  MAI 2024

Der Abwesende - Giacomo Meyerbeer zum 160. Todestag

Obwohl Giacomo Meyerbeer (1791−1864) zu den bedeutendsten Persönlichkeiten im europäischen Musikleben des 19. Jahrhunderts gezählt werden kann, spiegelt seine weitestgehende Abwesenheit im heutigen Bühnenrepertoire wie auch im schulischen und akademischen Musikunterricht nicht zuletzt den nachhaltigen Einfluss national(istisch)er sowie judenfeindlicher Rezeptionsweisen in und auf die Musikgeschichte wider: „Mit der Unterscheidung zwischen den Nationalstilen des 18. Jahrhunderts und der im 19. Jahrhundert auftretenden Verknüpfung von Nationalität und Originalität“, so Annkatrin Dahm, „wurde Meyerbeer zu einem Opfer einer den gesamten Bereich der Musik umfassenden ästhetischen Debatte“. Verstärkt wurde dies durch Meyerbeers religiöse Herkunft, insofern – wie Sieghart Döhring es auf den Punkt bringt − der „jüdische Kosmopolit, dessen Werk sich dem nationalkünstlerischen Kategoriensystem verschloss, […] zur historischen Unperson“ wurde.

Dabei galt Meyerbeer im 19. Jahrhundert als einer der einflussreichsten und begehrtesten Opernkomponist*innen der Zeit. Parallel zu seiner Stellung als Generalmusikdirektor der Berliner Hofoper sowie Leiter der Preußischen Hofmusik prägte der Kosmopolit das Repertoire der Pariser Opéra – sowie jenes zahlreicher anderer Häuser innerhalb und außerhalb Europas. So konstatierte der renommierte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick anlässlich des Meyerbeer-Zentenariums im Jahre 1891: „Meyerbeers Opern […] sitzen fest in dem Repertoire aller Theater und herrschen da seit ihren ersten Aufführungen ununterbrochen. […] Eine Popularität wie diese ist ohne Beispiel.“ Und bevor ​​​​​​​Richard Wagner Meyerbeer in Das Judenthum in der Musik (1850, erw. 1869) diffamieren würde, reihte er seinen Landsmann – welcher sich „die Vorzüge der italienischen u. französischen Schule zum Meister“ gemacht, die „Schranken der Nationalvorurtheile“ zerschlagen und damit „Weltgeschichte“, sogar „Thaten der Musik“ geschrieben hätte – als genuin „​​​​​​​deutschen“ Komponisten in die Tradition Händels, Glucks und Mozarts ein und beteuerte, selbst durch Meyerbeer „auf meine jetzige Bahn gebracht“ worden zu sein.

​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​Trotz zahlreicher persönlicher Rückschläge sowie gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche liest sich Meyerbeers Biographie durchaus als Erfolgsgeschichte: 1791 als Sohn einer wohlhabenden, kunstaffinen Kaufmannsfamilie in der Nähe von Berlin geboren, genoss Meyerbeer eine humanistische Erziehung. Musikalisch ausgebildet wurde er durch zeitgenössische Koryphäen wie Franz Lauska, Carl Friedrich Zelter und B. A. Weber in Berlin sowie Abbé Vogler in Darmstadt, wo er bereits 1813 zum Hofkomponisten ernannt wurde. Eine Bildungsreise führte ihn nach Wien, Paris und London (1813−1816). Im darauffolgenden Jahrzehnt machte sich Meyerbeer als Komponist italienischer Opern – „eine erfolgreicher als die andere“ (Michael Jahn) – in Italien einen Namen, was ihm als Sprungbrett für Paris dienen sollte. Dort entwickelte er sich in den 1830er- und 1840er-Jahren mit Robert le Diable (1831), Les Huguenots (1836) und Le Prophète (1849) zum führenden Opernkomponisten seiner Zeit. 

​​​​​​​Meyerbeers letzte große Oper, Vasco da Gama, wurde aufgrund seines plötzlichen Todes während der Endproben durch François-Joseph Fétis vollendet und 1865 unter Anwesenheit der gesellschaftlichen Prominenz aus Politik und Kultur als L’Africaine uraufgeführt. 

Am 2. Mai 2024 jährt sich Meyerbeers Todestag zum 160. Mal. Dies soll als Anlass dienen, auf den Bibliotheksbestand zu jenem Komponisten aufmerksam zu machen, der nicht nur die Gattung der grand opéra maßgeblich geprägt hat, sondern sich bereits zu Lebzeiten aktiv für die Förderung des musikalischen Nachwuchses eingesetzt hat. 

(Text: Henriette Engelke)

 

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